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msm FortschrittsberichtProgress report
msm/PflegeCare/AOK Bayern: KI-Pflegegradassistent
Pflege · Bayern · November 2026Care · Bavaria · November 2026

Welcher Pflegegrad könnte es werden? — Die AOK Bayern lässt eine KI die erste Einschätzung geben, bevor der Medizinische Dienst kommt.

This article is currently available in German only — an English version will follow. Der Text liegt bisher nur auf Deutsch vor.

Zusammenfassung

Die AOK Bayern bietet ihren Versicherten und deren Angehörigen seit dem 2. November 2026 einen KI-Pflegegradassistenten an, entwickelt mit dem Unternehmen Nui Care: Wer die Alltagssituation eines pflegebedürftigen Menschen in eigenen Worten beschreibt, per Text oder Sprache, erhält eine unverbindliche Einschätzung, welcher der fünf Pflegegrade in Frage kommt, eine Begründung und eine Liste der nächsten Schritte. Die Anwendung orientiert sich an der Begutachtungsrichtlinie des Medizinischen Dienstes, ersetzt die Begutachtung aber nicht; die Einstufung trifft weiterhin die Pflegekasse. Zahlen zur Treffsicherheit veröffentlicht die Kasse nicht — der Bedarf an Orientierung ist jedoch belegt: Von den rund 3,1 Millionen Pflegebegutachtungen des Jahres 2025 endete bei den Erstanträgen jede fünfte ohne Pflegegrad.

Was ist passiert?

Wer in Deutschland Leistungen der Pflegeversicherung will, stellt einen Antrag bei seiner Pflegekasse; der Medizinische Dienst (MD) begutachtet dann — meist im Hausbesuch, zunehmend auch telefonisch — sechs Lebensbereiche von der Mobilität bis zur Gestaltung des Alltags und errechnet daraus einen von fünf Pflegegraden. Das Verfahren ist für Betroffene schwer durchschaubar: Welche Einschränkung zählt wie viel, und lohnt sich ein Antrag überhaupt? An dieser Stelle setzt der Assistent an. Er ist in der App „Meine AOK“ unter „Digitale Angebote“ und in der AOK Pflege-App verfügbar, für Versicherte der AOK Bayern und ihre Angehörigen kostenlos, und richtet sich ausschließlich an Erwachsene. Nutzer müssen keine Unterlagen bereithalten; der Dialog folgt den Themen, die der MD Bayern bei einer Begutachtung behandelt, erkennt nach Angaben der Kasse relevante Angaben und übernimmt sie in weitere Bereiche, sodass nicht jeder Bereich einzeln abgefragt wird. Am Ende steht ein Dokument mit der unverbindlichen Einschätzung, einer Erklärung, wie sie zustande kam, einer Checkliste für die Antragstellung und Hinweisen auf Beratungsangebote.

Gleichzeitig hat Nui Care die AOK Pflege-App erweitert: um einen rund um die Uhr erreichbaren KI-Chat zu Pflegefragen, einen persönlichen Pflegeplan für Aufgaben und Termine, einen digitalen Steckbrief mit den wichtigsten Angaben zur gepflegten Person und einen Ratgeber, der nun auch Eltern pflegebedürftiger Kinder und den Umgang mit Demenz behandelt. Die AOK Bayern bezeichnet den Pflegegradassistenten ausdrücklich als Pilotprodukt, das sich „derzeit in der Weiterentwicklung“ befinde. Vorstandsvorsitzende Irmgard Stippler betont, die verbindliche Einstufung „erfolgt weiterhin durch die Pflegekasse“ auf Empfehlung des Medizinischen Dienstes; Nui-Care-Chef Markus C. Müller beschreibt den Zweck so, das komplexe System „mithilfe von KI in verständliche Alltagssprache“ zu übersetzen. Neben dem digitalen Angebot bleibt die persönliche Beratung: 74 Pflegeberaterinnen und -berater der AOK Bayern führten 2025 mehr als 47.000 Beratungen.

Wie groß der Orientierungsbedarf ist, zeigt der Report Pflegebedürftigkeit 2026 des Medizinischen Dienstes Bund vom Juli: Rund 3,1 Millionen Begutachtungen auf Erst- und Höherstufungsanträge führten die 15 regionalen Medizinischen Dienste 2025 durch. Bei den Erstbegutachtungen kamen die Gutachter in 21,3 Prozent der Fälle zu dem Ergebnis, dass keine Pflegebedürftigkeit im Sinne des Gesetzes vorliegt; 29,0 Prozent erhielten Pflegegrad 1, 34,5 Prozent Pflegegrad 2, 11,7 Prozent Pflegegrad 3 und 3,6 Prozent die Grade 4 oder 5. Bei Anträgen auf Höherstufung wurde in 69 Prozent der Fälle ein höherer Grad empfohlen, in 30 Prozent blieb er unverändert. Ende 2025 bezogen rund sechs Millionen Menschen Leistungen der Pflegeversicherung.

Die Zahlen

Ergebnis der Erstbegutachtungen 2025 in Deutschland, Anteil in Prozent
Empfehlungen der Medizinischen Dienste bei Erstanträgen auf Leistungen der Pflegeversicherung, bundesweit, Datenjahr 2025. Quelle: Medizinischer Dienst Bund, Report Pflegebedürftigkeit 2026, 15.07.2026. Jeder fünfte Erstantrag endet ohne Pflegegrad — die Lücke, die eine Vorab-Einschätzung schließen soll.
3,1 Mio.
Pflegebegutachtungen auf Erst- und Höherstufungsanträge im Jahr 2025, bundesweit, durch die 15 regionalen Medizinischen Dienste (Quelle: MD Bund, Report Pflegebedürftigkeit 2026, 15.07.2026)
21,3 %
der Erstbegutachtungen 2025 endeten mit dem Ergebnis „nicht pflegebedürftig“; bei Höherstufungsanträgen wurde in 69 Prozent ein höherer Grad empfohlen (Quelle: MD Bund, 15.07.2026)
47.000
persönliche Pflegeberatungen führten die 74 Pflegeberaterinnen und -berater der AOK Bayern 2025 durch — das Angebot, das der Assistent ergänzen, nicht ersetzen soll (Quelle: AOK Bayern, 02.11.2026)

Einordnung

Pflegegradrechner gibt es seit der Reform von 2017 zu Dutzenden im Netz: Formulare, die die Punktlogik der Begutachtung nachbilden und ein Ergebnis ausgeben, wenn man alle Felder richtig ausfüllt. Der Unterschied des AOK-Assistenten liegt weniger in der Rechnung als im Zugang — er nimmt die Beschreibung in Alltagssprache entgegen und ordnet sie selbst den sechs Modulen zu, auch gesprochen. Für Angehörige, die zum ersten Mal mit dem System zu tun haben, ist das die eigentliche Hürde. Dass eine gesetzliche Kasse mit mehreren Millionen Versicherten das Werkzeug kostenlos ausgibt und an die Begutachtungsrichtlinie bindet, unterscheidet es außerdem von den Rechnern kommerzieller Pflegedienste, deren Interesse an einem hohen Ergebnis nicht immer neutral ist.

Auf diesen Seiten steht die Meldung neben dem KI-Assistenten des Kreises Borken, der Pflegeanträge auf der Behördenseite vorbereitet — dort entlastet die KI die Sachbearbeitung, hier soll sie die Antragsteller orientieren. Beide Anwendungen greifen an derselben Stelle an, dem Papierweg zwischen Pflegebedarf und Leistung, und beide bleiben unterhalb der Entscheidung: Weder in Borken noch bei der AOK entscheidet die KI über Geld. Das ist eine bewusste Grenze, und sie ist richtig gezogen. Sie bedeutet aber auch, dass der Gewinn vorerst in gesparter Unsicherheit besteht, nicht in gesparten Begutachtungen — die 3,1 Millionen Termine des Medizinischen Dienstes werden durch den Assistenten nicht weniger, höchstens besser vorbereitet.

„Die verbindliche Einstufung in einen der fünf Pflegegrade erfolgt weiterhin durch die Pflegekasse.“ — Irmgard Stippler, Vorstandsvorsitzende der AOK Bayern, Pressemitteilung, 02.11.2026

Was bleibt offen?

Erstens: Wie gut trifft die KI? Die AOK Bayern veröffentlicht weder Nutzerzahlen noch einen Abgleich der Einschätzungen mit den späteren Gutachten des Medizinischen Dienstes. Die Aussage, die Anwendung sei „präziser“ als herkömmliche Pflegegradrechner, stammt vom Anbieter und ist nicht belegt. Ohne eine Validierung bleibt offen, ob der Assistent Erwartungen weckt, die die Begutachtung dann enttäuscht — oder umgekehrt Menschen vom Antrag abhält, die Anspruch hätten.

Zweitens: Die Daten. Wer seine Alltagssituation beschreibt, gibt Gesundheitsdaten preis. Die AOK verweist auf die geltenden Datenschutzbestimmungen, nennt aber weder den Ort der Verarbeitung noch das eingesetzte Sprachmodell noch, ob Eingaben zur Weiterentwicklung genutzt werden.

Drittens: Pilot heißt Pilot. Die Anwendung ist „in der Weiterentwicklung“, nur für Erwachsene und nur für Versicherte einer Kasse. Ob andere AOKs oder Kassen folgen und ob der MD selbst eine solche Vorprüfung anerkennt, ist nicht gesagt.

Viertens: Die Berichterstattung. Die Fachpresse hat die Meldung weitgehend im Wortlaut der Pressemitteilung übernommen, zum Teil als bezahlter Inhalt gekennzeichnet. Eine unabhängige Prüfung des Werkzeugs liegt bisher nicht vor.

Original-Quellen

Pressemitteilung: aok.de · Report Pflegebedürftigkeit 2026 (PDF): md-bund.de

Quellen

  1. AOK Bayern — KI für die Pflege: AOK Bayern startet neue digitale Angebote (Pressemitteilung), 02.11.2026: aok.de
  2. AOK Bayern — Der Nui KI-Pflegegradassistent: Pflegegrad prüfen – einfach, kostenlos, unverbindlich (Produktseite), abgerufen 08.11.2026: aok.de
  3. Altenheim (Vincentz Network) — AOK Bayern startet KI-Pflegegradassistent mit Nui Care, 02.11.2026: altenheim.net
  4. ad-hoc-news — AOK Bayern: KI-Pflegegradassistent gibt Angehörigen erste Orientierung, 02.11.2026: ad-hoc-news.de
  5. ad-hoc-news — AOK Bayern: KI schätzt Pflegegrad vor dem offiziellen Antrag ein, 05.11.2026: ad-hoc-news.de
  6. Medizinischer Dienst Bund — Report Pflegebedürftigkeit 2026 (Datenjahr 2025, PDF), 15.07.2026: md-bund.de