DNA statt Virus — die FDA lässt mit Voceryq die erste Plasmid-DNA-Immuntherapie zu, gegen wiederkehrende Kehlkopfpapillome.
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Die US-Arzneimittelbehörde FDA hat am 30. Oktober 2026 Voceryq (Wirkstoffe doruxapapogene ralaplasmid und lalikinogene sifuplasmid-gxfd, bisher INO-3107) von Inovio Pharmaceuticals beschleunigt zugelassen — die erste Plasmid-DNA-basierte Immuntherapie in den USA, bestimmt für Erwachsene mit rezidivierender respiratorischer Papillomatose (RRP), bei der die Papillomviren HPV 6 und 11 immer neue Wucherungen im Kehlkopf verursachen, die operativ entfernt werden müssen. In der zulassungsrelevanten Studie mit 32 Erwachsenen brauchten 7 von 26 Patienten mit mindestens drei Vor-Operationen im Jahr (27 Prozent) nach der neunwöchigen Behandlung zwölf Monate lang keinen Eingriff mehr; in der längeren Nachbeobachtung sank die mittlere Zahl der Operationen pro Jahr von 4,1 auf 1,7 und im zweiten Jahr auf 0,9. Es ist nach Papzimeos (August 2025) die zweite Therapie gegen RRP — und die erste, die genetische Bauanleitungen ohne Virus-Vektor in Muskelzellen bringt, per Elektroporation.
Was ist passiert?
Die rezidivierende respiratorische Papillomatose ist selten und zäh: Humane Papillomviren der Typen 6 und 11 lassen warzenartige Wucherungen in den Atemwegen wachsen, meist am Kehlkopf. Die Folge sind Heiserkeit, Atemnot und Operationen, die die Papillome entfernen, aber nicht das Virus — viele Betroffene werden mehrmals pro Jahr operiert, über Jahrzehnte, mit jedem Eingriff steigt das Risiko von Narben an den Stimmlippen. Inovio schätzt die Zahl der Betroffenen in den USA auf Basis von Abrechnungsdaten auf mindestens 25.000; ältere epidemiologische Daten aus den 1990er-Jahren kamen auf rund 14.000 aktive Fälle. Voceryq setzt am Virus an: Zwei Plasmide — ringförmige DNA-Stücke bakteriellen Ursprungs — tragen die Bauanleitung für HPV-6- und HPV-11-Antigene und für den Immunbotenstoff Interleukin-12. Sie werden in den Muskel gespritzt und mit dem Gerät Cellectra 5PSP per Elektroporation in die Zellen gebracht: Kurze Stromimpulse öffnen die Zellmembranen für Augenblicke. Ohne Virus-Vektor, ohne Lipid-Nanopartikel und, so Inovio, ohne die Immunreaktion gegen den Vektor, die bei viralen Gentherapien eine Wiederholung erschwert.
Die FDA hat beschleunigt zugelassen, also auf Basis eines Zwischenziels, das den klinischen Nutzen „mit hinreichender Wahrscheinlichkeit vorhersagt“: der Zahl der Operationen. Grundlage ist die offene, einarmige Studie RRP-001 an mehreren Zentren mit 32 Erwachsenen, die im Jahr zuvor mindestens zweimal operiert worden waren. Nach einer operativen Abtragung der sichtbaren Papillome folgten vier Injektionen über neun Wochen, in denen kein weiterer Eingriff nötig war. In der Wirksamkeitsgruppe der 26 Patienten mit mindestens drei Vor-Operationen (Median 4,5, Spanne 3 bis 8) blieben 7 (27 Prozent, 95-Prozent-Konfidenzintervall 12 bis 48) im ersten Jahr nach der Behandlung ohne Operation. Die häufigsten Nebenwirkungen waren Reaktionen an der Einstichstelle, Kopfschmerz, Müdigkeit, Bluthochdruck, Übelkeit und Schwindel, überwiegend leicht; die Elektroporation kann kurze Muskelkontraktionen, Blutungen an der Einstichstelle und Kreislaufreaktionen auslösen und ist bei Herzschrittmachern oder Metallimplantaten auf derselben Seite nicht erlaubt. Voceryq trägt die Status Breakthrough Therapy und Orphan Drug; Inovio muss bis Jahresende den Entwurf einer bestätigenden Studie vorlegen, deren Protokoll bis Mitte 2027 stehen soll. Lieferbar soll das Mittel in rund 60 Tagen sein, die vollständige Markteinführung ist für das erste Quartal 2027 geplant; einen Preis nennt das Unternehmen nicht.
Die Zulassungsstudie ist seit Februar 2025 in Nature Communications veröffentlicht: Von allen 32 Teilnehmern hatten 26 (81 Prozent) im Jahr nach der Behandlung mindestens eine Operation weniger als im Jahr davor, 9 (28 Prozent) kamen ganz ohne aus; die mediane Zahl der Operationen sank um drei. Im Blut und im Papillomgewebe fanden sich HPV-spezifische T-Zellen, auch nach 52 Wochen. Eine rückblickende Auswertung von 28 der 32 Patienten über im Median 2,8 Jahre, im August 2025 in The Laryngoscope erschienen, zeigt den Verlauf: Im Jahr vor der Behandlung wurden die Patienten im Mittel 4,1-mal operiert, im ersten Jahr danach 1,7-mal, im zweiten 0,9-mal; der Anteil ohne jede Operation stieg von 28 Prozent im ersten auf 50 Prozent im zweiten Jahr.
Die Zahlen
Einordnung
Die Idee, nackte DNA als Medikament zu spritzen, ist über dreißig Jahre alt und galt lange als gescheitert: Was in Mäusen funktionierte, erzeugte in Menschen kaum Immunantwort, weil die Plasmide nicht in die Zellen kamen. Die Elektroporation hat das Lieferproblem gelöst, aber die Technik blieb Außenseiter — die Covid-Pandemie gewann die mRNA, Inovios eigener DNA-Impfstoffkandidat kam nie auf den Markt, und die weltweit erste DNA-Impfung für Menschen, ZyCoV-D, erhielt 2021 nur in Indien eine Notfallzulassung. Voceryq ist damit die erste Plasmid-DNA-Therapie, die eine Zulassung der FDA erreicht hat, und die erste gegen eine bestehende Krankheit statt zur Vorbeugung. Dass es eine seltene Virusinfektion ist, passt zum Muster, das diese Seiten im Oktober mehrfach beschrieben haben: Neue Wirkstoffklassen kommen zuerst in eng umrissenen Indikationen an — Antisense gegen Hepatitis B, ein onkolytisches Herpesvirus, eine Gentherapie gegen erblichen Hörverlust.
Voceryq ist nicht die erste Therapie gegen RRP. Im August 2025 hatte die FDA Papzimeos von Precigen zugelassen, eine Immuntherapie auf Basis eines nicht vermehrungsfähigen Adenovirus, die ebenfalls HPV-6/11-Antigene präsentiert; dort blieben 18 von 35 Patienten (51 Prozent) im ersten Jahr ohne Operation, 15 davon auch nach zwei Jahren. Die Zahlen sehen besser aus als die 27 Prozent von Voceryq, sind aber aus verschiedenen Studien mit unterschiedlichen Einschlusskriterien nicht direkt vergleichbar. Inovios Argument liegt woanders: Gegen den Adenovirus-Vektor baut der Körper Abwehr auf, eine Wiederholung ist schwierig; Plasmide lösen diese Reaktion nicht aus und könnten im Prinzip erneut gegeben werden. Ob das klinisch zählt, hat bisher niemand geprüft — zugelassen ist ein Zyklus. Für die rund 25.000 Betroffenen in den USA gibt es damit innerhalb von fünfzehn Monaten zwei Alternativen zum Skalpell, wo es zuvor keine gab.
„Jede Operation birgt das Risiko einer Verletzung des Kehlkopfs.“ — Dr. Simon Best, Johns Hopkins University, Studienleiter von RRP-001, Inovio-Pressemitteilung vom 30.10.2026 (übersetzt)
Was bleibt offen?
Erstens: Drei von vier Behandelten mussten im ersten Jahr weiter operiert werden. Die Zulassung beruht auf einem Zwischenziel aus einer einarmigen Studie mit 32 Patienten ohne Kontrollgruppe; wie stark die Operationszahl ohne Therapie geschwankt hätte, ist nicht gemessen. Die bestätigende Studie ist noch nicht einmal entworfen — der Protokollentwurf ist bis Jahresende fällig —, und ihr Ergebnis entscheidet, ob die Zulassung bestehen bleibt.
Zweitens: Der Vergleich mit Papzimeos steht aus. Zwei Immuntherapien gegen dieselbe seltene Krankheit, zugelassen binnen fünfzehn Monaten, aber nie gegeneinander getestet; welche Patienten von welcher profitieren, ob eine Wiederholung oder eine Folge beider Mittel sinnvoll ist, weiß niemand. Kinder, bei denen RRP oft aggressiver verläuft, sind von der Zulassung ausgeschlossen.
Drittens: Preis und Zugang sind offen. Inovio nennt keinen Preis, hat mit Syneos Health erst begonnen, ein Vertriebsteam aufzubauen, und hängt als kleines Unternehmen wirtschaftlich weitgehend an diesem einen Produkt. Die Behandlung braucht ein eigenes Elektroporationsgerät, geschultes Personal und schließt Patienten mit Schrittmacher oder Metallimplantat auf der Behandlungsseite aus.
Viertens: Die Langzeitdaten stammen aus einer rückblickenden Auswertung ohne Vergleichsgruppe; ab dem dritten Jahr sind sie lückenhaft. Ob die T-Zell-Antwort hält, ob das Virus zurückkehrt und ob die Plattform — wie Inovio hofft — auch gegen andere HPV-Erkrankungen oder Tumoren trägt, müssen neue Studien zeigen. Außerhalb der USA ist Voceryq nirgends zugelassen; in Europa hat INO-3107 bislang den Orphan-Drug-Status.
Original-Quellen
FDA-Pressemitteilung: fda.gov · Inovio-Pressemitteilung: PR Newswire via Yahoo Finance
Quellen
- U.S. Food and Drug Administration — FDA Approves First Plasmid DNA-based Immunotherapy for Adults with Recurrent Respiratory Papillomatosis, 30.10.2026: fda.gov
- Inovio Pharmaceuticals — INOVIO Announces FDA Accelerated Approval of VOCERYQ, an Immunotherapy to Reduce the Frequency of Surgery in Adults with RRP (PR Newswire), 30.10.2026: ca.finance.yahoo.com
- Securities.io — INOVIO’s VOCERYQ Wins FDA Accelerated Approval to Reduce RRP Surgeries, 30.10.2026: securities.io
- Inovio Pharmaceuticals — Data Published in The Laryngoscope shows INO-3107 Resulted in Long-Term Surgery Reduction in RRP, 11.08.2025: ir.inovio.com
- Inovio Pharmaceuticals — Clinical and Immunological Results from Phase 1/2 Study of INO-3107 … Published in Nature Communications (Artikel s41467-025-56729-6), 12.02.2025: ir.inovio.com
- Drugs.com — Papzimeos FDA Approval History (Zulassung von Precigens Papzimeos am 14.08.2025, 18 von 35 Patienten ohne Operation): drugs.com
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