Nicht Stückzahl, sondern Arbeitsstunden — AgiBot schlägt mit „Worken“ ein Maß für den Nutzen von Robotern vor und zeigt den G2 Max.
This article is currently available in German only — an English version will follow. Der Text liegt bisher nur auf Deutsch vor.
Der Shanghaier Hersteller AgiBot, der im September 2026 seinen 20.000sten Roboter fertiggestellt hat, hat am 29. Oktober 2026 auf seinem Innovation Day eine Kennzahl vorgeschlagen, mit der sich der tatsächliche Nutzen von Robotern messen lassen soll: „Worken“ — die Zahl der im Einsatz befindlichen Roboter, multipliziert mit ihren autonomen Arbeitsstunden und einem Effizienzverhältnis gegenüber einer menschlichen Referenzleistung. Gezählt werden soll also nicht, wie viele Geräte gebaut wurden, sondern wie viel Arbeit sie erledigen. Dazu kamen die dritte Hardware-Generation AHA3, der zweiarmige Radroboter G2 Max für die Industrie (21 Freiheitsgrade, bis 40 Kilogramm Traglast, Arbeitshöhe 0,1 bis 2,5 Meter), die Vorschau auf das Steuerungsmodell GO-3 und das Betriebssystem Link-U OS, das bis Jahresende quelloffen werden soll — was fehlt, ist ausgerechnet das, was Worken messen will: AgiBot nennt für keine seiner Installationen Arbeitsstunden oder Effizienzwerte.
Was ist passiert?
Die Formel ist einfach: Worken = aktive Roboter × autonome Arbeitsstunden × Effizienzverhältnis. „Aktiv“ sind nur Roboter, die im Feld Aufgaben erledigen, nicht gebaute oder gelagerte; „autonom“ sind nur Stunden tatsächlicher Arbeit ohne Teleoperation, nicht die Einschaltdauer; das Effizienzverhältnis setzt die Leistung ins Verhältnis zu einer aufgabenbezogenen Referenz, etwa der Arbeit, die ein Mensch nach geltendem Standard in derselben Zeit abliefert. AgiBot nennt das Ergebnis „effektive intelligente Arbeitsstunden“ und will die Definition anhand von Einsatzdaten schärfen; eine erste Fassung steht in einem Branchenbericht, den das Unternehmen am selben Tag veröffentlichte. Mitgründer und Technikchef Peng Zhihui begründete den Vorstoß mit der Frage, die die Branche bislang umgeht: wie viel produktive Arbeit die Roboter tatsächlich leisten.
Daneben zeigte AgiBot Hardware und Software. Die Plattform AHA3, dritte Generation der eigenen Humanoiden-Architektur, hat nach IP67 gegen Staub und Wasser geschützte Gelenke mit Flüssigkühlung, Wi-Fi 6 und 5G sowie eine Familie von Greifhänden (OmniHand 3 Lite, 3 und 3 Ultra, dazu der taktile Greifer OmniPicker 3). Der G2 Max ist kein Zweibeiner, sondern ein zweiarmiger Oberkörper auf omnidirektionalem Fahrwerk: 21 Freiheitsgrade, beidarmig bis 40 Kilogramm Traglast, Arbeitshöhe von 10 Zentimetern bis 2,5 Meter, Kraftregelung und Sicherheitszertifizierung; The AI Insider nennt 20 Kilogramm Nennlast je Arm, 50 Kilogramm Spitzenlast beidarmig und eine Wiederholgenauigkeit von ±0,5 Millimetern und berichtet von einem ersten Einsatz beim Zulieferer Huguang, wo der Roboter eine Linie im Takt von zweieinhalb Minuten bestückt. Das Steuerungsmodell GO-3 liegt als Vorschau vor und soll Schlussfolgern, Vorhersagen und Handeln in einem Modell vereinen; AgiBot reklamiert erste Plätze auf den Benchmarks RoboDojo, RoboTwin und RoboColiseum, ohne Werte zu nennen. Das Betriebssystem Link-U OS 1.0 wird mit ausgewählten Partnern erprobt, soll bis Ende 2026 vollständig quelloffen sein und wurde der OpenAtom Foundation übergeben.
Als Einsätze führt AgiBot die Materiallogistik an einer Tablet-Fertigungslinie des Auftragsfertigers Longcheer an (gemessen an Taktzeit, Dauerbetrieb und Erledigungsquote — Ergebnisse nennt das Unternehmen nicht), Halbleiter-Verpackung und -Test, das Bestücken von CNC-Maschinen, Lager- und Palettenarbeit sowie Besucherführung in der U-Bahn von Guangzhou und im Freizeitkomplex Chimelong, wo seit September mehr als 300 Roboter stehen. Das Ökosystem umfasst nach eigenen Angaben 255 Hochschulen, 511 Unternehmen und über 80.000 Entwickler. In derselben Woche legte der Konkurrent Unitree seinen ersten Quartalsbericht seit dem Börsengang vor: Der Umsatz stieg im dritten Quartal um 69,9 Prozent auf 665 Millionen Yuan, der Nettogewinn sank um 17,4 Prozent auf 113 Millionen, die Forschungsausgaben stiegen um fast 250 Prozent auf 127 Millionen Yuan — 19 Prozent des Umsatzes.
Die Zahlen
Einordnung
AgiBot gehört nach Stückzahl zu den größten Herstellern humanoider und halbhumanoider Roboter — 20.000 gebaute Geräte sind mehr, als jeder westliche Anbieter bisher gemeldet hat, auch wenn ein großer Teil Forschungs- und Vorführmodelle sein dürfte. Dass gerade dieses Unternehmen vorschlägt, nicht mehr Stückzahlen zu zählen, sondern Arbeitsstunden, liest sich zunächst als Kritik an der eigenen Branche, deren Bilder — Wettkämpfe in Peking, Tanzrekorde, Messeauftritte — wenig darüber sagen, ob die Maschinen irgendwo Arbeit ersetzen. Die Frage ist berechtigt: Die Marktbilanz dieser Seiten vom Sommer führte bei den Stückzahlen Unitree mit über 5.500 ausgelieferten Einheiten im Jahr 2025, bei der überprüfbaren Einsatztiefe aber Figure und Agility — und selbst Pilotkunden wie BMW berichten in Fahrzeugen und Monaten, nicht in Roboterstunden. Eine Kennzahl, die aktive Roboter, autonome Stunden und Leistung gegenüber dem Menschen verrechnet, würde solche Meldungen vergleichbar machen — wenn sie jemand unabhängig erhebt.
Der Rest der Ankündigung folgt dem chinesischen Muster, das sich auch bei Unitree und Xiaomi zeigt: Hardware in schneller Folge, Steuerungsmodelle mit Benchmark-Ansprüchen, Betriebssysteme als Open Source, um ein Ökosystem zu binden. Der G2 Max — ein Oberkörper auf Rädern mit 2,5 Metern Reichweite — ist dabei die bodenständigere Nachricht als jede Zweibeiner-Vorführung: Genau solche Geräte stehen bei Longcheer an der Linie, und ihr Nutzen lässt sich in Taktzeiten messen. Unitrees erster Quartalsbericht zeigt zugleich die Ökonomie dahinter: 70 Prozent mehr Umsatz, aber sinkender Gewinn und ein Forschungsetat, der sich binnen eines Jahres mehr als verdreifacht hat. Wer in dieser Branche wächst, verdient damit noch nicht mehr.
„Wie viel produktive Arbeit leisten sie tatsächlich? Worken ist unser Versuch, eine neue Art zu entwickeln, diese Frage zu beantworten.“ — Peng Zhihui, Mitgründer, Präsident und Technikchef von AgiBot, Pressemitteilung vom 29.10.2026 (übersetzt)
Was bleibt offen?
Erstens: Worken ist eine Kennzahl des Herstellers. Wer die „Referenzleistung“ eines Menschen festlegt, wer die autonomen Stunden misst und wer die Zahlen prüft, ist nicht geregelt; ohne unabhängige Erhebung bleibt die Formel ein Werbemittel, das Stückzahlen durch eine andere Zahl des Anbieters ersetzt. Den ersten Beweis, dass es anders gemeint ist, hat AgiBot nicht geliefert: Für keinen Einsatz — nicht einmal für Longcheer, wo die Kennzahlen laut Unternehmen gemessen werden — gibt es einen Worken-Wert.
Zweitens: Die Einsatzliste ist eine Liste von Orten, nicht von Ergebnissen. Taktzeiten, Verfügbarkeit, Fehlerquoten, Kosten je Stunde — nichts davon ist veröffentlicht. Die 20.000 gebauten Roboter sagen nichts darüber, wie viele davon arbeiten; Worken selbst würde die meisten vermutlich nicht zählen.
Drittens: Die Technikangaben sind unvollständig und teils widersprüchlich. Zum G2 Max kursieren 40 und 50 Kilogramm Traglast, Preis und Lieferzeit fehlen; die Benchmark-Ränge von GO-3 kommen ohne Werte und ohne Vergleichsmodelle. Ob Link-U OS tatsächlich bis Jahresende vollständig quelloffen wird, zeigt sich erst am Code.
Viertens: Die Branchenökonomie. Unitrees Zahlen deuten an, dass das Wachstum mit sinkenden Margen erkauft wird; wie AgiBot selbst wirtschaftet, ist nicht öffentlich. Chinas Humanoiden-Industrie wird von Staatsfonds, Kommunen und Großkunden getragen — eine Kennzahl für Nutzen wäre auch für diese Geldgeber die interessanteste Zahl, und genau deshalb muss sie jemand anderes als die Hersteller berechnen.
Original-Quellen
AgiBot-Pressemitteilung (PR Newswire): en.prnasia.com
Quellen
- AgiBot / PR Newswire — AGIBOT Introduces Worken to Measure Productive Robot Work at AGIBOT Innovation Day 2026, 29.10.2026: en.prnasia.com
- Robotics & Automation News — AGIBOT introduces Worken to measure productive robot work at AGIBOT Innovation Day 2026, 29.10.2026: roboticsandautomationnews.com
- The AI Insider — AgiBot Introduces Worken Metric to Measure Productive Robot Labor, 29.10.2026: theaiinsider.tech
- The AI Insider — China Physical AI Roundup: Unitree Earnings, AgiBot Robot Launch, XPeng Robotaxi Update … (G2-Max-Daten, Unitree-Zahlen), 28.10.2026: theaiinsider.tech
- TechNode — Unitree’s first post-IPO report shows quarterly revenue growth of nearly 70%, 29.10.2026: technode.com
- Caixin Global — Unitree’s Robot Rise Comes With Rising Costs, Inventory, 29.10.2026: caixinglobal.com
← Alle Entwicklungen im Bereich← All developments in this area